Donnerstag, 30. März 2017

"Wohndesign ist eine sensuelle Erfahrung"

... sagen die Interiordesigner Fernando Tania und Monica Andina. 

Und wie komme ich jetzt darauf? Und warum ist dieser Satz einen eigenen Artikel wert?

Von vorne:

Ich habe mittlerweile etliche Wohnbücher angesammelt und freue mich darüber, jederzeit darin blättern zu können. Sie stehen endlich alle zusammen in einem alten Jugendstilschrank im Laden, nachdem sie jahrelang in Wohnung, Büro und Laden verteilt gewesen sind.

Im Buch „Liebe pro m2“ von Maria Spassov bin ich über folgenden Satz gestolpert: „Wohndesign ist eine sensuelle Erfahrung.“ So gesagt haben das die Interiordesigner Fernando Tania und Monica Andina aus Madrid und ich stimme ihnen aus vollem Herzen zu.



Warum?

"Wohndesign ist eine sensuelle Erfahrung."
Also eine sinnliche Erfahrung. 
Konkreter: Eine Erfahrung mit allen Sinnen.

Wenn Du einen Raum zum ersten Mal betrittst, sind alle Sinne auf Empfang. 

Zuerst die Nase, auch wenn ihre Meldungen oft überhört werden. Der Geruchssinn ist nämlich in einem der ältesten Teile des Gehirns angesiedelt und er ist das, was beim Baby zuerst funktioniert. Du stellst sehr schnell fest, ob Du etwas in dem Raum nicht riechen kannst oder ob Dich der Geruch an bestimmte Erlebnisse erinnert - positiv oder negativ.

Deine Augen erfassen, Farben, Formen und Hell-Dunkelkontraste. Sie lesen die Struktur des Raumes ab. Ist er gut gestaltet, gelingt es leicht. Ist er weniger gut gestaltet und etwas irritiert, entsteht ein schräges Bild.

Deine Ohren informieren Dich über die Beschaffenheit von Oberflächen. Sind sie glatt und hart, entsteht ein Hall oder sogar Echo im Raum. Je nach dem, ob Du Dich in einem Wohnzimmer oder in einer Kirche befindest, empfindest Du Hall und Echo als passend oder unpassend.

Deinen Tastsinn gibt es auch noch. Diese Meldungen erhältst Du, wenn Du eine Weile im Raum bist und anfängst, Oberflächen und Strukturen mit den Händen zu erforschen. Deine Füße melden etwas zur Bodenbeschaffenheit. Glatt, steinig oder rauh, weil der Schuh oder Strumpf hängen bleibt, und wenn Du barfuß läufst, die Oberflächentemperatur.


Andersherum formuliert: Materialien bedienen immer mehrere Sinne. Dein Gehirn gleicht alle eingehenden Informationen mit bisher gemachten Erfahrungen ab. Vera Birkenbihl hat es so formuliert, dass die linke Gehirnhälfte Informationen aufnimmt und sofort bei der rechten anfragt, ob es passende Bilder dazu gibt. Sie hat es auf die Spitze getrieben mit dem rollschuhfahrenden rosa Elefanten, zu dem es kein Bild gibt und spricht in so einem Fall von "halbhirniger Kommunikation". 

Ich schrieb weiter oben von einem schrägen Bild, das sich ergibt, wenn linke und rechte Gehirnhälfte nicht auf einen Nenner kommen. 

Je nach Materialwahl passiert auch in Räumen nonverbale halbhirnige Kommunikation. Ein beliebtes Beispiel ist Laminat. Es sieht aus wie Holz, ist aber an der Oberfläche ganz galtt und sehr kalt. Ein anderes Beispiel ist eine Fliese in Holzoptik. Sie mag an der Oberfläche strukturiert sein, aber auch dort stimmt die Oberflächentemperatur und der akustische Raumeindruck nicht.

Also ja, Wohndesign ist eine sensuelle Erfahrung.

Eine gelungene und in sich stimmige Raumgestaltung lebt davon, dass die verschiedenen Sinneseindrücke von Nase, Auge, Ohr, Tastsinn und allen anderen Sinneskanälen, die ihre Meldung ans Gehirn machen, stimmig sind. Je weniger Störfaktoren es gibt, desto besser für Dich.

Stell Dir bei Deinen Einrichtungsüberlegungen immer die Frage danach, ob Du ein Störgefühl hast und geh dem nach. Wenn Du herausfindest, was Dich persönlich stört, kannst Du nach Alternativen suchen. Ich schreibe deswegen "persönlich", weil immer Deine Erfahrungen Deine Empfindungen bestimmen. Deswegen gebe ich keine allgemeingültigen Materialempfehlungen. Ich mache Vorschläge, ja. Aber nicht mehr, denn Du lebst in Deinen Räumen und musst Dich dort wohlfühlen.

Ich weiß, dass dieser Artikel sehr theoretisch ist. Für mich gehört dieses Wissen aber zum Thema Raumgestaltung dazu. Mich interessiert die Frage, wie Wohnen und Gefallen funktioniert, und das ist ein kleines Puzzlestück.

Hast Du Fragen dazu? Meld Dich gern hier in den Kommentaren oder auf der Facebook-Seite. Ich freue mich, von Dir zu lesen.

Zitat aus: Maria Spassov: Liebe pro m2 S. 180 und 183
„Die Essenz des guten Designs ist für mich…“ 
„Alles das die Sinne anspricht … Materialien, Textilien, Farben, Kunst, Emotion. Wohndesign ist eine sensuelle Erfahrung.“
Fernando Tania und Monica Andina, Interiordesigner